Verfasst von: WieMan | 21. August, 2008

Existenzsicherung durch Integrierte Versicherungssteuerung

Holger Heinze und Prof. Stefan Hilbert, erschienen in der Versicherungswirtschaft, 6/2007

Einleitung

Wissenschaft und Berater sehen die Steuerung von Versicherungen aktuell in einer Situation dramatischen Wandels. Externe und interne Impulse machen es notwendig, dass die Versicherer sich mit der Steuerung und Bewertung von Risiken, dem internen und externen Rechnungswesen und dem Grundverständnis des Controllings im Sinne einer wertorientierten Steuerung1 auseinander setzen. Isoliert voneinander sind diese Anforderungen bekannt. Ihre Verbindungen untereinander und das sich daraus ergebende Konzept einer Integrierten Versicherungssteuerung sind Thema dieses Artikels.

Dabei ist es die Überzeugung der Autoren, dass sich Versicherer in den kommenden Jahren am Grad der Integriertheit ihres Steuerungssystems messen lassen müssen. Die heutige Auseinandersetzung mit den Themen IFRS, Solvency II und VBM wird entscheiden, ob das jeweilige VU noch im Markt existieren wird. Die Art, wie die Auseinandersetzung geschieht, wird bestimmen, wo im Markt sich das VU befinden wird. Das Ziel wird in jedem Falle die integrierte Versicherungssteuerung sein, fraglich ist nur, wie schmerzhaft der individuelle Weg sein wird und wer zuerst ankommt.

Interne und externe Impulse zur Veränderung und deren Wahrnehmung

Zwei externe Impulse dominieren aktuell die Diskussion in der Versicherungssteuerung: Erstens verändert sich die Ausrichtung der Risiko-Steuerung durch die unter ‚Solvency II’ subsumierten Bemühungen, die Eigenkapitalunterlegung der Versicherungen und damit die Bewertung der Risiken detaillierter und angemessener zu gestalten. Zweitens wird durch die Einführung der Rechnungslegungsgrundsätze nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) die Basis für die Rechnungslegung und damit die Bewertung der Bilanzposten der Versicherer neu definiert. Zwar liegen die Zeitpunkte, zu denen beide Impulse verbindlich werden, vermeintlich noch in weiter Zukunft. ‚Solvency II’ ist aktuell für 2010 geplant, die Rechnungslegung nach IFRS für Versicherungen (umfassender als im Kontext einer puren konsolidierten Konzernrechnungslegung) ist zur Zeit noch so intensiv in Arbeit und Diskussion, dass die verbindliche Einführung nicht eindeutig terminiert werden kann. Es ist aber klar erkennbar, dass sich das Selbstverständnis der Versicherer und damit ihre Steuerung weg von einer Pauschalbetrachtung von Risiken, Werten und Chancen hin zu einer detaillierteren und zeitnäheren Bewertung entwickelt.
Ferner erwarten die Stakeholder der Versicherer mehr Transparenz in Bezug auf die interne Steuerung und die externe Berichterstattung: Kapitalmärkte fordern auf der einen Seite die externe Rechnungslegung nach IFRS mit einer Fair-Value-Bewertung zur besseren Vergleichbarkeit. Auf der anderen Seite müssen Versicherer Erfolgszahlen in einem verständlichen und nachvollziehbaren, wertorientierten Kontext präsentieren, der den Stakeholdern die Ausrichtung an der langfristigen Steigerung des Unternehmenswertes aufzeigt. – Die Forderungen von Öffentlichkeit und Mitarbeitern wird unter dem Schlagwort ‚Corporate Governance’ zusammengefasst, woraus sich auch hier ein Impuls für ein neues Steuerungskonzept ergibt.2

Technische Neuerungen

Zum Ende des letzten Jahrhunderts investierten die Versicherer teilweise hastig in neue und oftmals unerprobte Systeme, Software und Datenlösungen.3 Mittlerweile konnten individuelle und branchenweite Erfahrungen gesammelt werden, die sich nun in einer zweiten Welle der Konsolidierung und Optimierung niederschlagen.
Zusätzlich hat die Forschung im Bereich der Steuerungssysteme und der Business  Intelligence in den letzen Jahren große Fortschritte gemacht, sei es in der Datenhaltung und –aufbereitung (Stichwort Data Warehousing) oder der Auswertung derselben.4

Pflicht und Kür

Den angesprochenen Impulsen können die Versicherer nun auf verschiedene Arten entgegen treten. Das eine Extrem wäre, die Anforderungen, die sich aus ‚Solvency II’, aus den Rechnungslegungsvorschriften nach IFRS und aus Kapitalmarktreglementierungen ergeben, zu analysieren und diese dann mit minimalem Aufwand zu erfüllen. Dem entgegen steht ein Verständnis, für welches dieser Artikel argumentieren möchte: Statt die erwähnten Impulse als nötige Pflichtprogramme zu verstehen, sollten sie eher als Signale erkannt werden, in welche Richtung sich das Selbstverständnis der Versicherungssteuerung in den nächsten Jahren entwickeln wird, um daraus ein eigenes Konzept abzuleiten. Es ist die Überzeugung der Autoren, dass ‚Solvency II’, Fair Value Bewertung und Wertorientierte Steuerung nur Symptome eines fundamentalen Wandels sind, den die Versicherungssteuerung mit den Reformen vor rd. 10 Jahren implizit begonnen haben.

Abbildung 1: Werden die Anforderungen als Chance verstanden, so ergibt die koordinierte Übererfüllung die Integrierte Versicherungssteuerung.

Es ist jedoch wichtig, diesen Wandel ganzheitlich zu betrachten. Statt die scheinbar isolierten Teile Risikosteuerung, Rechnungslegung und Reporting zu betrachten, muss das Gesamtkonstrukt mit seinen Interdependenzen untersucht werden. Dabei wird die verbindende Idee offensichtlich: Die aktive, bewusste und vor allem integrierte Steuerung der Risiken, Chancen, Anlagen und Verbindlichkeiten im Versicherungsunternehmen, möglichst zeitnah und auf einem höchstmöglichen Detaillierungsgrad.  Betrachtet man die oben beschriebenen Impulse vor dem Hintergrund einer Annahme dieses Grundziels, wird klar, dass Solvency II, IFRS (für Versicherer) und wertorientierte Steuerung  – nur auf verschiedenen Ebenen – Ausdruck des selben Wunsches sind.

Elemente der integrierten Versicherungssteuerung

Die Elemente einer integrierten Versicherungssteuerung sind:

  • Eine detaillierte, zeitnahe und aktive Steuerung aller Risiken (versicherungstechnische und nicht-versicherungstechnische) durch ein qualifiziertes internes Risiko-Modell5
  • Ein harmonisiertes Rechnungswesen, das auf Bewertungsgrenzen zwischen Sparten, Konzerntöchtern und intern/extern zugunsten eines einheitliches Fair Value verzichtet, damit die Konsolidierung oftmals erst möglich macht und mit dem Risiko-Modell über eine versicherungsspezifische Aktiv-Passiv-Steuerung6 verzahnt ist
  • Ein das Unternehmen durchdringendes wertorientiertes Steuerungskonzept, das die Mehrung des Unternehmenswertes auf Basis der Aktiv-Passiv-Steuerung mit Hilfe eines globalen Risiko-Rendite-Bezugs jeder Aktion verfolgt und aktiv betreibt
  • Ein zentralisierter Datenpool, der in Form eines Enterprise-Datawarehouse die Versorgung der Integrierten Versicherungssteuerung mit informationstechnisch qualitativ hochwertigen, homogenen Daten gewährleistet

Damit die Integrierte Versicherungssteuerung jedoch mehr darstellt als die bloße Summe ihrer Teile sind die Verbindungen und gegeinseitigen Bezüge hierbei entscheidend.

Neue Steuerungsmöglichkeiten

Im Sinne der postulierten Idee ergeben sich aus der integrierten Versicherungssteuerung u.a. folgende neue Steuerungsmöglichkeiten:

  • Zeitnahe, glaubwürdige und effiziente Ermittlung des nötigen Solvabilitätskapitals
  • Auf jeder Ebene im Unternehmen kann optimiert in Bezug auf Werte, Risiken und Beiträgen gesteuert werden – Im Sinne von u.a. Kapitalallokation, Marketing, Produkt-Entwicklung und einer wertschöpfungs-optimierten Vertriebssteuerung.
  • Die Gesamtrisikosituation kann aufgeschlüsselt und aktiv gesteuert werden, Diversifikationseffekte ggf. gesucht und Risikokombinationen erkannt werden
  • Die involvierten Stakeholder und Spezialisten-Abteilungen verfügen durch den Risiko-Rendite-Bezug über eine gemeinsame Sprache

Die Wertorientierte Steuerung eines Versicherungsunternehmens – egal welcher Rechtsform – kann nur mit einem grundlegenden Risiko-Bezug sinnvoll durchgeführt werden.7 Dieser Risikobezug muss dabei nicht nur Risiken isoliert betrachten und bewerten, sondern die lohnenden Risiken dadurch identifizieren, dass der Wertbeitrag der einzelnen Risiken (nach Produkt, Sparte, Kundensegment o.ä.) quantifiziert wird. Abbildung 2 zeigt diesen konkreten Zusammenhang beispielhaft am EVA.8 Der geschaffene Wert einer Periode errechnet sich dabei aus dem Jahresüberschuss abzgl. nötigem Risikokapital multipliziert mit dem Kapitalkostensatz dieses Kapitals.  Es ist zu erwarten, dass über die Integrierte Versicherungssteuerung  auf diesem Wege Risiken, Produkte und Märkte identifiziert werden, die nach alten Steuerungsmaßgaben (Umsatz, Volumen, Marktdurchdringung, o.ä.) profitabel scheinen, faktisch jedoch Wert vernichten, statt ihn zu schaffen.

Abbildung 2: Wertorientierung als quantitative Schnittstelle zwischen Risikobewertungen und Bestandsgrößen am Beispiel des EVA

Schlussbetrachtung

Das Erfordernis für den Aufbau einer integrierten Steuerung für Versicherungsunternehmen ist evident. Anforderungen aus dem Projekt Solvency II, die Notwendigkeit einer kapitalmarktorientierten IFRS-Rechnungslegung sowie die Anforderungen der Stakeholder an eine adäquate Verzinsung des Kapitals, welche sich in der wertorientierten Steuerung widerspiegeln, sind nur scheinbar getrennt voneinander zu betrachten. Denn Solvency II und IFRS-Berichterstattung bedingen einander. Sei es, dass über die marktkonforme und risikogerechte Bewertung von Vermögen und Schulden die Ermittlung des erforderlichen Risikokapitals überhaupt erst möglich ist. Sei es aber auch, dass über die dritte Säule aus Solvency II (Markttransparenz) der Gehalt der Berichterstattung als wesentlicher Informationsbasis für Kunden und Investoren, erhöht wird.
Letztendlich sind Transparenz und risikoadäquates Kapital entscheidende Bausteine der wertorientierten Steuerung und verdeutlichen, welch zentralen Aspekt eine integrierte Versicherungssteuerung einnimmt. Die integrierte Steuerung selbst wird zum Erfolgsfaktor des Versicherungsunternehmen.

Fußnoten

1 Folgend VBM von englisch ‚Value Based Management’
2 Zur öffentlichen Wahrnehmung der Versicherer vgl. Ehlers/Krömmelbein (2005)
3 Vgl. Dillschneider (2005), S. 3
4 Eine Möglichkeit hier ist u.a. auch, von den Erfahrungen der Banken zu lernen. Dazu vgl. z.B. Propach/Reuse (2005), S. 443
5 Vgl. Knauth (2005), S. 27
6 Asset-Liability-Management (ALM) bzw. Dynamische Finanzanalyse (DFA) je nach Sparte. Dazu vgl. Eling/Partnitzke (2006)
7 Vgl. Röhl (2006)
8 Economic Value Added, ein Beispiel für ein Maß, in dem geschaffener Wert gemessen wird. Der EVA wird vornehmlich im Nicht-Leben-Bereich verwendet, während im Leben-Bereich u.a. eher mit dem EV (Embedded Value) oder EEV (European Embedded Value) gearbeitet wird.  Die Verbindung zum Risikokapital ist jedoch analog anzuwenden.

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Quellen / weiterführende Literatur:

Dillschneider, Stefan (Dillschneider (2005)): „Multidimensionales Referenzdatenmodell für Balanced Scorecard-Kennzahlen in der Versicherungsbranche“, Josef Eul Verlag, Köln, 2005

Ehlers, Hanna/Krömmelbein, Florian (Ehlers/Krömmelbein (2004)): „Versicherer in der öffentlichen Wahrnehmung“, Eröffnungsvortrag am Frankfurter Versicherungsseminar 2004, zitiert nach: Zeitschrift für Versicherungswesen, Nr. 15/2004, S. 437-438

Eling, Martin/Partnitzke, Thomas (Eling/Partnitzke (2006)): „Dynamische Finanzanalyse: Entwicklungsschub erwartet“, in: Versicherungswirtschaft, Heft 6/2006, S. 461-464

Knauth, Klaus-Wilhelm (Knauth (2005)): „Systemwandel in der Finanzdienstleistungs- und Versicherungsaufsicht“, in: Solvency II & Risikomanagement, Gründl, Helmut/Perlet, Helmut (Hrsg.), Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler/BWV Fachverlage, Wiesbaden, 2005

Propach, Jürgen/Reuse, Svend (Propach/Reuse (2005)): „Integration von Balanced Scorecard und Data Warehouse“, in: CM controller magazin, Heft 2/2005, S. 439-448

Röhl, Arne (Röhl (2006)): „Von IFRS über Solvency II zur wertorientierten Unternehmenssteuerung“, in: Versicherungswirtschaft, Heft 5/2006, S. 362 – 364

Autoren

Prof. Stefan Hilbert ist Professor
an der Berufsakademie Mannheim.

Holger Heinze ist Berater
u.a. für Versicherungen
bei Cassini Consulting in Frankfurt.

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