Verfasst von: WieMan | 3. Oktober, 2008

Solvency II wird qualitativ

Vermehrte Forderung nach Verschiebung des Fokus

In der aktuellen Diskussion um Solvency II wird an vielen Stellen von den Autoren und Experten eine Verschiebung des Fokus in Richtung qualitativer Instrumente und Risikosichten gefordert.

In einem Interview mit Frank Romeike, Chefredakteur RISIKO MANAGER, kritisiert beispielsweise Joachim Oechslin, CRO der Münchner Rück die Konzentration auf die quantitativen Modelle und Instrumente im Risikomanagement bzw. deren Benutzung:

„Offenbar wurden in gewissen Fällen die Risikomess-Instrumente, wie beispielsweise der Value-at-Risk, vor allem anhand der historischen Preisvolatilitäten kalibriert. Die ausschliessliche Verwendung historischer Daten als Grundlage für die Abschätzung zukünftiger Ereignisse kann dazu führen, dass nicht alle potenziellen Ereignisse erfasst werden, insbesondere solche, die ihrer Natur nach extrem sind. Das ist meines Erachtens aber nicht ein Problem des Value-at-Risk-Konzeptes, sondern viel mehr seiner Anwendung. „1

In der Versicherungswirtschaft 17 vom 1.9.2008 vertritt der spanische Experte Dr. Jesús Huerte de Soto eine ähnliche Ansicht, jedoch ungleich schärfer und umfassender in seinem Artikel „Solvency II – ein Fataler Irrtum“:

„Die theoretische Basis von Solvency II ist die neoklassische Finanzmarkttheorie, die Mitte des letzten Jahrhunderts entstand und aufgrund ihres statischen Charakters und formalen Reduktionismus sowie ihren unrealistischen und fehlerhaften Annahmen bezüglich der Funktionsweise von Märkten in Misskredit fiel. […] Die Verteilungswahrscheinlichkeiten und Szenarien, die man aufgrund vergangenheitsbezogener Daten erhalten oder sich vorstellen kann, sind keine Hilfe, wenn man sie in eine ungewisse Zukunft einmaliger unternehmerischer, nicht homogener Ereignisse extrapoliert … „2

Mit einer Säule muss man ja anfangen (?)

Meines Erarchtens liegt beiden Aussagen die selbe Beobachtung bzw. der selbe Effekt zugrunde. Das Risikomanagement in der Versicherungswirtschaft ist aktuell in der Veränderung und kann nicht mit den Maßstäben betrachtet werden, als sei es final. Dies gilt für die Vorgaben der Aufseher und des Marktes genauso wie für die konkreten Umsetzungen in den Versicherungsunternehmen.

Abbildung 1: Die 3 Säulen von Solvency II

Säule 3 wird (nicht komplett, aber zu einem großen Teil) von den IFRS-Vorgaben abgedeckt. Diese sind versicherungsunspezifisch detailliert ausgestaltet und umgesetzt. Versicherungsspezifisch sind die IFRS 4 Standards noch eine große Baustelle, hier wird nach den Standards der sog. Phase 1 quasi unverändert bilanziert und berichtet. Zeitlich gesehen ist die Arbeit – Umsetzung wie auch Definition der Vorgaben – hier jedoch schon früh gestartet und an einem soliden Zwischenstand angelangt.

Säule 1 ist aktuell was die Vorgaben betrifft zwar schon absehbar, jedoch noch in der Bearbeitung. Mit Hilfe der QIS-Studien haben die Teilnehmer schon ein gutes Gefühl dafür, was die Aufsicht im Bereich der quantiativen Überprüfungen verlangen wird und wie gerechnet wird – bzw. werden könnte. Gleichzeitig werden die Studien vom Aufseher genutzt, um die Einzelheiten noch zu kalibrieren. Durch den langen Vorlauf auf der Zeitachse (die Dauer von Entwurf, Design, Entwicklung, Kalibrierung und Zertifizierug eines internen Risikomodells machte es quasi nötig schon vor 2 Jahren zu starten) sind die Arbeiten im quantiativen Bereich nun schon weit fortgeschritten, u.a. natürlich auch da hier gerade bei den großen Versicherern nicht auf der grünen Wiese gestartet wurde. So verheißungsvoll die Ergebnisse in diesem Gebiet nun isoliert betrachtet sein mögen, aus Sicht von Solvency II und aus Sicht einer integrierten Versicherungssteuerung sind die aktuellen Ergebnisse hier aus meiner Sicht nur als Zwischenschritt zu verstehen. Schliesslich fehlt noch …

Säule 2 ist im Vergleich der Nachzügler. Vor zwei Jahren wurde bei den Solvency II präsentationen gerne ein lapidares „und in Säule 2 werden die operationalen Risiken betrachtet und die Prozesse überprüft und dokumentiert“ erwähnt. Während einige Spezialthemen in Säule 2 vermeintlich isoliert zu betrachten sind, so wurde die Verbindung zur Säule 1 doch m.E. lange nicht mit der Priorität betrachtet, die nötig ist. Die oben zitierten Forderungen nach qualitativen Steuerungsinstrumenten bzw. die Kritik am blinden Folgen der quantiativen Modelle – basierend auf der Historie, extrapoliert in die Zukunft – sind Ausdruck der Notwendigkeit, die Säulen von Solvency II und damit die Dimensionen des Risikomanagements zu integrieren.

Würdigung aus Sicht der integrierten Versicherungssteuerung

Vielleicht ist es das eingebaute Mißverständnis des Säulenmodells, das dazu geführt hat, dass die Gebiete isoliert betrachtet werden. Bei großen Versicherern präsidiert ein Solvency II Projektleiter über Teilprojekte, die isoliert die Themen aus den Säulen bearbeiten: Im Aktuariat wird das interne Modell gebaut und kalibriert, in der Rechnungslegung werden die prudential Filter implementiert und ein anderes Team implementiert die Risikostrategie nach dem MaRisk. Dabei können die einzelnen Ergebnisse der Säulen niemals dem Anspruch der integrierten Steuerung – und hoffentlich auch nicht dem Anspruch von Solvency II wie er von der Bafin vertreten werden wird – gerecht werden.

Keine Entscheidung im Pricing, Underwriting, Marketing (Stichwort Reputationsrisiken!) oder Investment Management darf auf der Basis eines quantitativen Modells oder einer qualitativen Maßgabe passieren. Nur beide Dimensionen miteinander integriert können hier eine Basis bilden. Diese Integrationsarbeit leistet im Idealfall der Mensch, der beide Informationen manuell miteinander Integriert. Der Vorgang ist auch als Bauchgefühl bekannt.

Ich glaube es ist falsch, das beschriebene ‚Vorpreschen‘ in Säule 1 als eine Aussage zugunsten eines quantiativen Autopiloten zu werten. Gleichzeitig müssen die Versicherer jedoch auch aufpassen, sich mit dem eigenen internen Modell (oder einem erfolgreich implementierten Standardmodell) nicht zufrieden zu geben. Im Folgenden müssen die qualitativen Betrachtungen implementiert und integriert werden, sodass am Ende das ‚Bauchgefühl‘ der erfolgreichen Manager ein stückweit formalisiert werden kann.

Die Integrationsleistung des informierten Entscheiders komplett zu formalisieren und zu automatisieren wird wohl frühestens dann gelingen, wenn der erste Computer geschaffen wurde, der mit einem menschlichen Gehirn mithalten kann.

Quellen und Verweise

Autoren

Holger Heinze ist Senior Consultant
für u.a. Versicherungssteuerung
bei Cassini Consulting in Frankfurt.

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